Der Tempelberg - das Herzstück des Konflikts

von Judith Bernstein

Israels Vorgehen auf dem Tempelberg (Noblem Heiligtum) ist vor allem für junge Palästinenser ein Angriff auf ihre islamische und nationale Identität. Nach den Jahren der Besatzung ist der „Haram Al-Sharif“ die letzte Bastion, für die sie kämpfen werden. Für sie ist dieser Ort ein Symbol der kollektiven Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Angesichts ihrer desolaten Lage und ihrer Perspektivlosigkeit sind sie sogar bereit, für die Würde dieses Ortes zu sterben. Deshalb wird der Kampf um den „Haram Al-Sharif“ weitergehen, auch wenn sich die Welt mit anderen Problemen beschäftigt. 

Bereits im März 1994 hat die „Jerusalem Post“ der Eröffnung einer Talmud-Thora-Schule ("Yeshiva“) gegenüber dem Tempelberg die Überschrift „Apocalypse Now“ gegeben. Die jüngste Explosion droht den Territorialkonflikt endgültig in einen nationalreligiösen Krieg übergehen zu lassen. Nach der traditionellen orthodoxen Tradition ist es den Juden nicht gestattet, auf dem Tempelberg zu beten, da es der Ort ist, an dem das Allerheiligste, die Bundeslade, stand. Aber schon seit Jahren wird dieser „Status quo“ von Extremisten unterlaufen, ohne dass die Regierung seiner Auszehrung Einhalt geboten hat.

Die dritte „Intifada“, getragen von palästinensischer Spontaneität ohne eine politische und organisatorische Steuerung, ist die erschreckende Konsequenz einer Entwicklung, in der heute 75 Prozent der  Israelis –  Orthodoxe und Nationalisten – den Zutritt einfordern wollen, auch wenn vielfach davor gewarnt wird, dass die Öffnung des Tempelbergs zum Niedergang Israels führen könne.

Die israelischen Politiker wussten schon immer um die Gefahr eines politischen Messianismus, die von diesem Ort ausgeht. Mit dem Satz „Wozu brauchen wir diesen Vatikan?“ übergab Moshe Dayan deshalb nach dem Sechs-Tage-Krieg die Kontrolle über dem „Haram Al-Sharif“, also über die Al-Aqza-Moschee und den Felsendom, an den „Waqf“, die fromme Stiftung. Für Nationalreligiösen wie Naftali Bennett ist der Tempelberg heute der Übergang vom zionistisch-religiösen zum ethnisch-nationalistischen Ethos geworden. Wer den Tempelberg beherrscht, der herrscht über das ganze Land.

In Jerusalem bündeln sich alle Facetten des Konflikts. Die „Heiligkeit" der Stadt, in die ich hinein geboren wurde, trägt zum jüdischen Fundamentalismus bei. Ehemals eine säkulare Stadt, wird sie immer orthodoxer und radikaler. Nicht zufällig hat bei der „Gay Parade“ im Sommer ein orthodoxer Jude sechs Personen niedergestochen, und nicht zufällig sind christliche Stätten wie die römisch-katholische „Dormitio“ am Fuße des Ölbergs attackiert worden.

Wie die jungen jüdischen Terroristen in der Westbank, die Palästinenser mit der Waffe angreifen und nicht davor zurückschrecken, eine ihnen unbekannte Familie samt ihrem Haus anzuzünden, wehren sich die Radikalen gegen die Prinzipien des liberalen Rechtsstaates und die Universalität der Menschenrechte. Stattdessen wollen sie zu einem imaginären religiösen und nationalen Ursprung zurück: Ethik und Moral sollen durch „das Wort Gottes" ersetzt werden. Nichts anderes verbirgt sich hinter der Forderung, Israel in einen „jüdischen Staat“ zu verwandeln.

Die radikalen Siedler haben nicht nur Ost-Jerusalem und die Westbank, sondern alle staatlichen Institutionen unterwandert. Der Ministerausschuss für Rechtsfragen will jetzt darüber entscheiden, dass israelische Gerichte künftig ihre Urteile auf der Grundlage des Religionsgesetzes, der „Halacha“, fällen. Damit wäre das brüchige Selbstverständnis Israels als demokratischer Staat endgültig hinfällig.